25Aug/15

Zukunft der Pflege – Pflegefachkräftemangel – quo vadis?

Pflegepersonal„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht…“ – der berühmte Vers von Heinrich Heine, könnte heutzutage wunderbar aus dem Mund des Leiters einer Pflegeeinrichtung stammen. Deutschland fehlen nicht nur regional Ärzte, sondern flächendeckend auch Pflegekräfte.

Das wird so manchem Leiter von Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern schon schlaflose Nächte bereitet haben. Obwohl man immer häufiger bereits EU-weit sucht, finden Arbeitgeber immer seltener ausreichend Pflegekräfte für ihre Einrichtungen. Verzweifelt gehen Arbeitgeber ungewöhnliche und sehr weite Wege, um qualifiziertes Pflegepersonal zu finden. Woran liegt dieser Mangel und was müsste getan werden, um einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden?

Die Zahl Pflegebedürftiger steigt

Aufgrund des demographischen Wandels ist mit einer stetigen Zunahme an Pflegebedürftigen zu rechnen. Laut Bundesministerium für Gesundheit leben heute rund 2,54 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland (Stand: 2012). Die Prognose des Ministeriums zeigt einen deutlichen Anstieg: Auf Basis einer dauerhaft konstanten altersspezifischen Pflegewahrscheinlichkeit würde die Zahl der Pflegebedürftigen in der sozialen Pflegeversicherung auf 3,22 Millionen im Jahr 2030 bzw. 4,23 Millionen im Jahr 2050 an steigen (siehe bmg.bund.de; Thema Pflegefachkräftemangel). Dies ist nur eine von zahlreichen Prognosen, die deutlich machen, dass der Gesundheitssektor großen Herausforderungen gegenüber steht.

Der Arbeitsmarkt im Bereich Pflege unter Druck

Im Mai 2014 registrierte die Bundesagentur für Arbeit im Bereich Gesundheits- und Krankenpfleger über 20 Prozent mehr offene Stellen als Bewerber zur Verfügung standen. Bei Altenpflegern waren es sogar ca. 40 Prozent. Auch auf Jobbörsen finden sich viele offene Stellenanzeigen für Pflegekräfte. Ein düsteres Bild zeichnet sich ab. Für die Zukunft malt das Wirtschaftsinstitut Prognos AG in seiner Studie “Pflegelandschaft 2030” noch dunklere Wolken an den Himmel des deutschen Arbeitsmarktes. Man befürchte gesamtwirtschaftliche Auswirkungen spätestens dann, wenn sich vorhandene Fachkräfte anderer Branchen verstärkt gezwungen sehen, ihre pflegebedürftigen Angehörigen selbst zu pflegen.

Wo soll die Reise hingehen?

Aspekte in der PflegeDie Bundesregierung versucht sich den Realitäten zu stellen. Auf ihrer Website schreibt sie: „Bereits Ende des Jahres 2012 hat die Bundesregierung mit den Bundesländern vereinbart, dass die Zahl der Ausbildungsplätze im Bereich der Altenpflege bis 2015 deutlich erhöht wird. Der Altenpflegeberuf soll attraktiver, die Möglichkeiten von Fortbildungen und Umschulungen verbessert und erleichtert werden. Damit sollen bis zu 4.000 Pflegehelferinnen und Pflegehelfer für eine weitere Qualifizierung gewonnen werden. Die Bundesagentur für Arbeit unterstützt die Umschulung zur Altenpflegefachkraft durch die Finanzierung auch des dritten Umschulungsjahres.“ Doch wirken diese Maßnahmen? Aus unserer Sicht können wir bislang keine Verbesserungen feststellen.

Die Suche im Ausland – ist das die Lösung?

Schon länger versuchte die Agentur für Arbeit, Pflegekräfte im europäischen Ausland zu finden – schließlich herrscht in einigen europäischen Ländern eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Da müsste doch eine Pflegestelle in Deutschland wie gerufen kommen. Dieser Versuch scheiterte bislang. Mit der Anwerbung von Fachkräften im Ausland tun sich die hiesigen Unternehmen der Branche schwer. Das zeigt eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung, die im Juni dieses Jahres veröffentlicht wurde. Aus der Studie geht hervor, dass drei von vier Pflegebetrieben mit freien Stellen zwar die Besetzung der Stellen als schwierig bezeichnen, aber nur 16 Prozent auf Rekrutierung im Ausland setzen. Wie kann das sein?

Deutschland steht im internationalen Wettbewerb mit vielen Nationen. Pfleger Marek, Schwester Giovanna und Altenpflegerin Dimitra würden die Großmutter gerne pflegen und der weit gereisten Schwester Ling Shu zukünftig Gesellschaft leisten. Deutschland bleibt jedoch weiterhin wenig anziehend für qualifizierte ausländische Arbeitnehmer. Damit das kein Dauerzustand bleibt und das Anwerben von Pflegekräften aus dem Ausland flächendeckend und umfangreich funktionieren kann, müsste es in Deutschland jedoch zunächst zu grundsätzlichen Veränderungen kommen.

Dazu gehört zum Beispiel der Abbau des Bürokratieaufwands für ausländische Bewerber. Auch unflexible Tests zur Feststellung der Sprachkenntnisse sowie Probleme bei der Anerkennung der Qualifikationen in Deutschland machen Pflegeberufe für Ausländer in Deutschland weiterhin nicht attraktiv. Das bestätigt auch die aktuelle Bertelsmann-Studie. Der Großteil der befragten Pflegeeinrichtungen (600 wurden befragt), berichten von diesen Hürden und Schwierigkeiten. Somit sehen bislang viele Personalchefs die Lösung in einem anderen Weg, um ihre Personaldecke zu flicken: Mitarbeiter sollen weitergebildet, das Betriebsklima verbessert und der Krankenstand gesenkt werden. Viele Unternehmen wollen auch mehr ausbilden und die Option, Mitarbeiter von der Konkurrenz abzuwerben, ist für die Unternehmer noch attraktiver als im Ausland zu suchen. Doch wie lange wird das noch gut gehen?

Das Image des Pflegers: Ist Helfen out?

Altenpflege zu HauseOffensichtlich ist aber auch der Pflegeberuf selbst nicht attraktiv genug, um für junge Menschen aus Deutschland und auch Quereinsteiger aus anderen Berufszweigen als Alternative in Frage zu kommen. Pflegeberufe sind und waren in Bezug auf Bezahlung und Arbeitsbedingungen lange Zeit echte Stiefkinder. Tätigkeiten examinierter Pflegekräfte wurden nicht selten auf Zivildienstleistende und Praktikanten abgewälzt. Eine wohlhabende Gesellschaft wie die deutsche muss jedoch vielmehr anerkennen, dass qualifizierte Pflege durch motivierte Arbeitnehmer ihren Preis hat – spätestens wenn unsere Generation selbst gepflegt werden muss, wird man sich an die Versäumnisse von heute erinnern.

Gedanken von Joachim Stegger, Mitgründer von HealthCare United zur Zukunft der Pflege in Deutschland.

Über Joachim Stegger: Er ist Gründer und Entrepreneur von erfolgreichen Internet-Startups und hat 2014 zusammen mit Prof. Dr. med. Claus Bartels das medizinische Stellenportal www.healthcare-united.de ins Leben gerufen.

Kommentare (1) Trackbacks (0)
  1. Ein sehr interessanter Beitrag.
    Es wird sich aber wie es aussieht auch in Zukunft nichts ändern, wenn wir es nicht tun.
    Die Pflege braucht mehr gute Leute, mehr Rückendeckung und Anerkennung, bessere Bezahlung und bessere Arbeitszeiten. Die Idee nun Flüchtlinge in der Pflege auszubilden halte ich durchaus für fragwürdig.


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